Ihre Musik ist unvergänglich, aber sie selbst waren es nicht – ganz im Gegenteil. Bis vor etwa fünfzig Jahren waren bakterielle Infektionen eine Haupttodesursache – auch bei zahlreichen Komponisten. Der Vortrag ist ein musikalisch untermalter Streifzug durch dramatisch-tödlich verlaufende Infektionskrankheiten bedeutender Musiker der vergangenen Jahrhunderte. Der Pest, die nach 1347 weite Landstriche entvölkerte, sind zwar keine bekannten Komponisten zum Opfer gefallen, doch Syphilis, Cholera, Typhus, Tuberkulose und ganz besonders die bakterielle Sepsis führten zum Tod vieler prominenter Musikschaffender. Unter der Syphilis litten unter anderem Niccolo Paganini (1782–1842), Franz Schubert (1797–1828), Friedrich Smetana (1824–1884), Robert Schumann (1810–1856) und Frederick Delius (1862–1934). Ganz anders als die Syphilis wurde die Tuberkulose, obwohl eine Volksseuche, als «romantische» Krankheit verklärt. Dem sie begleitenden leichten Fieber schrieb man eine Wirkung auf Kreativität und Fantasie von Künstlern zu. Opfer der Tuberkulose wurden unter anderem Carl Philipp Emanuel Bach (1714–1788) und Carl Maria von Weber (1786–1826), der Komponist der Oper «Der Freischütz».
Zum Abschluss der SGIM Jahresversammlung wird insbesondere von den tragisch verlaufenden zahlreichen Fällen die Rede sein, in denen Komponisten einer Blutvergiftung zum Opfer fielen. Jean Baptiste Lully (1632–1687) verletzte sich während eines Konzerts beim Takt-Stampfen mit seinem schweren verzierten Stab am Fuss und starb an der daraus entstehenden generalisierten Entzündung. Andere berühmte Opfer der bakteriellen Sepsis sind Johann Sebastian Bach (1685–1750), Gioacchino Rossini (1792–1868), George Bizet (1838–1875), Gustav Mahler (1860–1911), Aleksander Skrjabin (1872–1915), Ottorino Respighi (1879–1936) und Alban Berg (1885–1935). Mit den Mitteln der modernen Antibiotika-Therapie und Intensivmedizin wären wohl viele Komponisten, jedoch keineswegs alle, gerettet worden. Krankheit und leidvolles Sterben vieler grosser Meister lassen ihre musikalischen Schöpfungen oft als übermenschliche Leistungen erscheinen und haben dazu beigetragen, die Phantasie der Menschen und die Mythenbildung anzuregen.
Prof. Dr. Dr. h. c. Ernst Theodor Rietschel studierte Chemie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Seine Dissertation und Habilitation im Fach Biochemie erfolgten am Max-Planck-Institut für Immunbiologie in Freiburg bei Professor Otto Westphal. Von 1980 bis 2005 leitete Rietschel die Abteilung «Immunchemie und Biochemische Mikrobiologie» am Forschungszentrum Borstel, dem Leibniz-Zentrum für Medizin und Biowissenschaften. Für seine bahnbrechenden Untersuchungen zur Pathogenese und Therapie der bakteriellen Sepsis (Blutvergiftung) wurde er national und international mehrfach ausgezeichnet. Seit 2005 ist Professor Rietschel Präsident der deutschen Leibniz-Gemeinschaft, einer ausseruniversitären Forschungsgemeinschaft aus 86 eigenständigen Instituten mit insgesamt rund 14 000 Mitarbeitern und einem Gesamtetat von über 1 Mrd. Euro.